Die Salafisten von Mümmelmannsberg

Schüler fühlen sich bedroht, Lehrer sind überfordert: An Hamburger Schulen gibt es ein Problem mit Islamisten. Politik und Pädagogen suchen nach Lösungen.

veröffentlicht bei Zeit Online

 Bildrechte: Jonas Walzberg

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Detlef Aßmann spricht gerne klare Worte. Er ist Direktor an der Stadtteilschule Mümmelmannsberg, da muss er  Stellung beziehen können. Doch in den vergangenen Tagen schwieg Aßmann beharrlich – ganz gleich, welche Medien bei ihm anfragten. Alle wollten wissen, was es mit einem internen Bericht der Schulbehörde auf sich hat, der in die Hände der Hamburger Morgenpost geraten war.

Religiös gefärbte Konfliktlagen an Hamburger Schulen heißt das Papier, in dem verunsichert klingende Lehrer berichten: Von Mädchen, die drangsaliert würden, weil sie kein Kopftuch tragen. Von Eltern, die sich bedroht fühlen, weil sie ihre Kinder an einer Schulparty teilnehmen lassen. Von einem "täglichen Kleinkrieg" um Religionsfragen ist in dem Bericht die Rede. Er schildert ein Problem, das es bereits in anderen Bundesländern gibt. So schlug der hessische Landesverband der Lehrergewerkschaft GEW Anfang Januar Alarm. Man benötige dringend Unterstützung.

Fünf bis zehn Hamburger Schulen sollen betroffen sein, mutmaßliche Keimzelle ist die Stadtteilschule in Mümmelmannsberg. Im als Problemstadtteil verschrienen Hochhausviertel sorgt der Bericht für Gesprächsbedarf: "Immer sind wir im Mittelpunkt, wenn es um so etwas geht. Immer schauen alle auf uns. Das stinkt mir gewaltig", schimpft ein Bewohner auf der öffentlichen Sitzung des Sanierungsbeirats, einem Gremium für Stadtteilentwicklung. Zu dem Termin ist auch Schulleiter Aßmann erschienen. Der Vorsitzende Michael Mathe versucht zu beschwichtigen. Es seien seit etwa einem Jahr besorgniserregende Entwicklungen zu beobachten, denen man hellwach, aber ohne falschen Populismus begegnen müsse.

Zahl der Salafisten in Deutschland steigt

Bisher ist unklar, wer hinter den Aktionen steckt. Im Mittelpunkt der Hamburger Debatte steht eine Gruppe Salafisten – Islamisten, die durch ein besonders fundamentalistisches Koran-Verständnis und ein rückwärtsgewandtes Weltbild auffallen. Salafisten versuchen, Ungläubige zu missionieren. In Deutschland steigt ihre Zahl seit Jahren, allein in Hamburg zählte der Verfassungsschutz zuletzt 200. Allerdings: nicht alle sind zwingend gewaltbereit.

Mitte Dezember beriet der Sanierungsbeirat mit Vertretern der Schulbehörde, des Verfassungsschutzes sowie mit Islamwissenschaftlern, um einen ersten Überblick zu bekommen. Nun, zwei Monate später, trägt Michael Mathe die bisherigen Erkenntnisse vor. Vor den Bewohnern des Stadtviertels bemüht sich der Vorsitzende des Beirats um sachliche Formulierungen. Denn so groß die Sorge vor islamistischen Fundamentalisten ist, so wenig wollen die Verantwortlichen Vorurteile gegenüber Muslimen befeuern.

Für Salafisten und Islamisten sei kein Platz an Hamburger Schulen, erklärte die Bürgerschaftsfraktion der CDU nach Bekanntwerden des Problems. In einer extra einberufenen Pressekonferenz sagte Schulsenator Ties Rabe (SPD), dass Schuleschwänzen aus religiösen Gründen nicht geduldet werde. Seine Behörde denke zudem darüber nach, eine Meldepflicht für politisch-motivierte Konfliktfälle einzuführen. Das dürfte – genau wie die Idee, religiöse Extremisten auszusperren – schwierig werden.

Zum einen sind die Vorfälle nicht allein auf die Pausenhöfe und Klassenzimmer beschränkt. Auch in Jugendzentren und auf der Straße sollen Flyer verteilt und Frauen wegen ihrer Kleidung beschimpft worden sein. Zum anderen berühren die Forderungen das Grundgesetz und das stellt klar: Niemand darf aufgrund seines Glaubens benachteiligt werden.

Es ist ein Spagat, den die Hamburger Politik versucht. Sie muss die Entwicklung ernst nehmen, ohne pauschal zu urteilen und die muslimischen Bewohner des Viertels gegen sich aufzubringen. Die Sozialbehörde im Bezirk Hamburg-Mitte arbeitet seit mehreren Monaten an einem Konzept. Jetzt, nach den alarmierenden Medienberichten, steht ihre Arbeit in der Öffentlichkeit. "Es braucht klare Vorgaben, was etwa die Forderung nach Gebetsräumen oder die Identifizierung von verschleierten Menschen angeht", sagt Bernd Schmidt von der zuständigen Abteilung. In einer Arbeitsgruppe werden deshalb Handlungsvorschläge für Lehrer und Erzieher entwickelt. Denn sie sind es, die im Einzelfall zwischen Toleranz gegenüber der Religion und konsequentem Einschreiten entscheiden müssen. Schmidt gibt aber auch zu: "Wir haben bisher noch keine kluge Antwort."

Bis dahin müssen die Pädagogen in Mümmelmannsberg selbstständig Lösungen finden. Wie diese aussehen, erklärte Schulleiter Aßmann während der Sitzung des Sanierungsbeirats. Erst kürzlich hätten er und seine 150 Lehrer gemeinsam mit Imamen und Experten zusammengesessen, um zu beraten, wie man der religiösen Vielfalt der Schüler gerecht werden könne, sagt er. Von Warnrufen in der Presse scheint er nicht viel zu halten: "Wir machen hier vor Ort die Ameisenarbeit. Und ich bin überzeugt: Wir sind auf einem guten Weg."