Nancy sucht das Paradies

Den Koran kennt sie, seit sie 13 ist. Jetzt hat sie ernst gemacht und ist zum Islam konvertiert. Ihre Mutter versteht die Welt nicht mehr. Ein Gespräch über Glaubensgrenzen hinweg.

veröffentlicht in der ZEIT, illustriert von Thomke Meyer

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Nancy: "Bei uns ist das Paradies aber nicht oben. Du meinst den Himmel."
Mutter: "Das ist doch dasselbe."
Nancy: "Nee, Mama, ist es nicht. Streng genommen ist euer Himmel bei uns die Hölle. Wir werden uns auch nicht wiedersehen, weil du in die Hölle kommst."
Mutter: "Ich?"
Nancy: "Ja."
Mutter: "Wieso? Ich habe doch nichts gemacht!"
Nancy: "Das verstehst du nicht. Du bist kein Muslim."
Mutter: "Aber ich weiß doch trotzdem einiges. Zum Beispiel, dass viele von euch in den Krieg ziehen, nach Syrien."
Nancy: "Siehst du, du weißt nichts. Das würde ich nie machen."
Mutter: "Ich habe trotzdem Angst davor."
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Hinter der Geschichte
Über Facebook-Gruppen wie Schwestern im Islam nahm entstand der Kontakt zu Frauen, die vor Kurzem konvertiert sind. Nancy war nach einer Woche zu einem Treffen bereit. Sie brachte ihre Mutter mit. Später folgte ein weiteres Treffen. Nancy befürchtete, als Konvertitin sofort als radikal zu gelten. Sie ließ sich deshalb schriftlich zusichern, dass sie anonym bleibt.

Der IS schickt dich in den Tod, Digga

Ein Hamburger IS-Kämpfer warnt seine "Brüder" vor der Ausreise. Der Verfassungsschutz veröffentlicht die Sprachnachricht. Lassen sich junge Islamisten davon beeindrucken?

veröffentlicht bei Zeit Online

Der IS-Kämpfer Bilal klingt wie ein Rapper, der seinen Kumpels von einem miesen Hotel abraten will. "Erst war alles baba", sagt er. "Baba" heißt "okay", der 17-Jährige mischt arabischen und Hamburger Slang. "Aber Digga, das kein Spaß hier." Im Hintergrund hallen Kinderstimmen, Männer unterhalten sich, Musik läuft. Heiß sei es in dem Haus, klagt er. Wie in einem Gefängnis sei es dort.

 "Jetzt kommt das Derbste, Bruder", sagt Bilal und erzählt, wie sein Befehlshaber die Kämpfer behandele. Es gebe keine Taktik, die Männer müssten ohne Plan an die Front. "Er schickt die einfach in den Tod. Das ist so, du kannst gleich 'ne Pistole nehmen und dir in Kopf schießen." Bilal, in Hamburg aufgewachsen, ist im Mai vergangenen Jahres nach Syrien gereist, gemeinsam mit weiteren Kämpfern. Er wollte den "Islamischen Staat" im "Heiligen Krieg" unterstützen. Dann merkte er, wie wenig die Bedingungen vor Ort mit dem zu hatten, was ihm vorher vermittelt wurde. Er nahm eine Sprachnachricht auf, in der er mit dem IS abrechnete. Kurz darauf, drei Monate nach seiner Ankunft, war er tot.

Hat der IS Bilal bestraft?

Die Ursache seines Todes ist nicht bekannt. Bei den Hamburger Salafisten gebe es aber Gerüchte, der IS habe Bilal für seine Kritik bestraft, heißt es vom Verfassungsschutz. "Bilal wollte mit dieser Nachricht vor allem seine Szene und seine ehemaligen Glaubensbrüder warnen", sagt Sprecher Marco Haase. "Er wollte ausdrücklich, dass die Botschaft öffentlich wird."

Der Hamburger Verfassungsschutz hat die Aufzeichnung daher Anfang der Woche verbreitet. Wie sie in seine Hände geraten ist, verrät er nicht. Mit Details will er sich bedeckt halten. Bilal heißt eigentlich auch anders. Seinen echten Name nennen die Behörden nicht, aus Rücksicht auf die Angehörigen, mit denen die Veröffentlichung abgesprochen ist. Klar ist nur, dass Bilal die Nachricht in Rakka aufgenommen hat, der einst liberalen Stadt im Südwesten Syriens, die heute vom IS besetzt ist und als Zentrum der Terrormiliz gilt. Mit der Audioaufnahme will der Verfassungschutz diejenigen erreichen, die sich wie Bilal dem IS anschließen könnten. Die Zahl der Salafisten in Deutschland hat sich in den vergangenen vier Jahren von 3.900 auf 8.600 verdoppelt. Mehr als 740 Anhänger sind bisher nach Syrien und in den Irak ausgereist. 65 davon kamen aus Hamburg.

Gelegentlich gelingt es den Sicherheitsbehörden vorher einzuschreiten. 20 Ausreisen konnten zum Beispiel in Hamburg verhindert werden – etwa, indem den Islamisten die Pässe abgenommen wurden. Bessere Ergebnisse erzielen die Präventionsprojekte, in die Bund und Länder mittlerweile Millionenbeträge stecken. In Hamburg kümmert sich der Verein Legato um gefährdete Jugendliche und berät verzweifelte Eltern. Mehr als 100 junge Menschen habe dieser im vergangenen halben Jahr davon abgehalten, in den Krieg zu ziehen, sagt Legato-Chef André Taubert. "Wir treten an jeden Jugendlichen unterschiedlich heran", sagt er über seine Arbeit. "Manchmal diskutieren wir auf Augenhöhe, manchmal wenden wir uns erst einmal an das soziale Umfeld und manchmal hilft am besten eine Therapie."

Die einen zweifeln, andere glauben an Verschwörungen

Ehe der Verfassungsschutz den Link zu der Aufnahme online stellte, gab es Gespräche mit Taubert und seinem Team. Die Hoffnung: Von der IS-Propaganda Geblendete bekommen so einen authentischen Einblick in den tatsächlichen Alltag der Kämpfer. "Einen Versuch ist es wert", sagt Taubert dazu. Nach Jahren der Arbeit mit den Jugendlichen ist er aber auch frei von Illusionen. "Das Problem bei solchen Aktionen ist: Es gibt immer Ausschläge in zwei Richtungen – bei manchen werden Zweifel gesät, bei anderen werden die Verschwörungstheorien angefüttert."

"Welcher Verräter hat das veröffentlicht?"

Beim Verfassungsschutz werden die Reaktionen innerhalb der salafistischen Szene nun genau beobachtet. "Wir stellen fest, dass Bilals Audiobotschaft mittlerweile intensiv in der salafistischen Szene diskutiert wird. Es sind vor allem junge Leute und die spricht eine solche Botschaft natürlich an", sagt Sprecher Haase. Wer sich auf Facebook umschaut, findet tatsächlich Kommentare von Nutzern, die dem IS offenbar zugeneigt sind und Bilal kannten. "Welcher Verräter hat diese Audio veröffentlicht!?", fragt einer. "Bruder, das hat niemand veröffentlicht, Bilal hatte diese Sprachnachricht in eine Whatsapp-Gruppe geschickt", antwortet ein anderer und behauptet, der Verfassungsschutz habe die Nachricht abgefangen.

Neben Schuldzuweisungen und Mutmaßungen sammeln sich auch Beileidsbekundungen alter Bekannter. Bilal wurde in Nigeria geboren. Er kam als Kind nach Hamburg, ging zur Schule, spielte Fußball. "War ein sehr guter Junge mit einem guten Herz, der einfach auf der Suche nach seinem Weg war", schreibt ein Nutzer und verurteilt die Propagandastrategie des IS. "Das beweist einfach nur wie manipulativ die Menschen sein können."

Sanfte Worte, echter Hass

Salafist Pierre Vogel kämpft um seine Beliebtheit. In Hamburg versucht er, von der Wut auf den Gazakrieg zu profitieren – und präsentiert sich als Mann der leisen Töne.

veröffentlicht bei Zeit Online

Noch sind sie unentschlossen. In einem Café am Hauptbahnhof sitzen drei Mädchen mit bunten Shirts und großen Sonnenbrillen. "Lass’ jetzt mal hingehen", fordert die eine und deutet mit dem Kopf in Richtung Bahnhofsvorplatz. "Aber ich setze kein Kopftuch auf", protestiert eine der anderen und lacht. "Sonst sehe ich ja aus wie so eine Salafistin."

Es ist der bisher heißeste Tag dieses Sommers, viele Hamburger liegen am Elbstrand oder im Freibad. An diesem Samstag hat sich Pierre Vogel angekündigt, er will direkt am Hauptbahnhof sprechen, auf dem Hachmannplatz, zwischen Taxistand, Wandelhalle und Schauspielhaus. Der 36-Jährige mit dem spitzen, kupferroten Bart ist so etwas wie ein Star der deutschen Islamistenszene – ein Label, an dem er sich gerne ergötzt, genau wie an dem des "Hasspredigers". 

Eine Stunde vor Veranstaltungsbeginn: Ein dunkelblauer VW Sharan, Modell Family, fährt vor, dahinter ein imbissstandgroßer Anhänger — Vogels Bühne. Männer mit breiten Schultern steigen aus dem Wagen, manche tragen traditionelle Gewänder, andere "Free-Palestine"-Shirts. Sie verteilen untereinander neongelbe Ordner-Westen und bauen Lautsprecher auf. 

Immer mehr Menschen sammeln sich auf dem Platz. Links die Männer, rechts die Frauen. Neben Plakaten und Fahnen hat die Polizei eine Geschlechtertrennung offiziell verboten. Doch bereits im Vorfeld hatte Vogel in einem Video auf seiner Facebook-Seite zum Verstoß gegen diese Auflage aufgerufen. "Wir werden dabei auch helfen", verspricht der Konvertit in rheinischem Singsang.

Ein Ex-Feuerwehrmann mimt den Einheizer

"Gerechtigkeit für Palästina! Welche Alternativen bietet der Islam?", das ist der Titel des Open-Air-Events – angesichts der Lage in Nahost ein brisantes Thema. Vogel will es für sich nutzen. Bisher war der Prediger vor allem im Ruhrgebiet aktiv. Doch aus Sicherheitskreisen ist zu hören, dass Vogel dort zunehmend an Beliebtheit einbüßt und sich deshalb ein neues Gebiet erschließen will. Angeblich ist er in Hamburg bereits auf Wohnungssuche. Mit seiner Predigt könnte er also zwei Ziele erreichen: Fängt er die Wut über den Krieg in Gaza auf, gewinnt er neue Anhänger. Benimmt er sich dabei angemessen, könnte er Verfassungsschutz und Medien in seiner möglichen neuen Heimat ein bisschen friedlicher stimmen.

Rund 250 Zuhörer haben sich versammelt. Sven Lau, ein Islamistenkollege Vogels, begrüßt das Publikum. Der Ex-Feuerwehrmann mimt den Einheizer. Anfang des Jahres saß der 33-Jährige in Untersuchungshaft, die Stuttgarter Staatsanwaltschaft hatte ihm vorgeworfen, zum Dschihad in Syrien angestiftet zu haben. Tatsächlich schlägt Lau in seiner Rede schnell den Bogen vom Krieg in Gaza zur Gesamtsituation in Nahost. "Falestine, Syrien, Irak, wir haben so viele Kinder verloren!", schreit er ins Mikrofon — Falestine ist das arabische Wort für Palästina. Lau prophezeit: "Am Ende werden die Muslime siegen." 

Hauptredner Vogel weiß sich besser zu verkaufen als Lau und lässt sich zu keinem lauten Groll hinreißen. Wie ein Vater, der seine Söhne von Streichen abhalten will, ermahnt er sein Publikum, auf Gewalt gegen Juden zu verzichten. "Es ist nie erlaubt, irgendeine Synagoge in Deutschland anzugreifen." Das verbiete der Islam. "Das schadet uns nur." Der einstige Katholik vermeidet es, von Israelis zu reden, seine Attacken adressiert er auf arabisch an den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu, seine Belehrungen beziehen sich auf "die Juden". Gegen die habe er nichts, nur, das stellt er klar: "Es gibt eben auch schlechte Juden."

Das Bühnendach schützt Vogel vor der brennenden Juli-Sonne. Sein Publikum dagegen muss schwitzen. Immer wieder schleppen junge Männer Wasser in 1,5-Literflaschen heran. "Hier Bruder", sagt einer,  "kühl' deinen Nacken". Es ist Ramadan, den fastenden Muslimen ist Essen wie Trinken bis Sonnenuntergang verboten. Für die etwa 50 weitestgehend schwarz verschleierten Frauen gibt es keine Abkühlung. Einige schützen sich mit einem Sonnenschirm, andere suchen in den nahestehenden Bushaltestellen nach Schatten. 

Tipps vom radikalen Koranversteher

Dicht bei den verschleierten Frauen steht eine junge Frau in einem halbdurchsichtigen roten Kleid, ihr blickdichter Unterrock bedeckt nur knapp die Oberschenkel. Ihr Name sei Haifa, sagt sie und schiebt sich lächelnd ihre rotgesträhnten, schwarzen Haare hinters Ohr, "genau wie die israelische Stadt". Haifa ist 22 und wird im Herbst ein Lehramtsstudium beginnen. Die Hamburgerin mit afghanischen und spanischen Wurzeln ist hier, weil sie sich Tipps vom radikalen Koranversteher Vogel holen will. Dass der mit ihrem Outfit ein Problem haben könnte, stört sie nicht. "Ich bin eine freie Muslimin und das bleibe ich auch." Haifa verfolgt mit Sorge die Nachrichten aus Gaza, erst neulich habe sie da so ein Video bei Youtube gesehen. Jetzt ist sie überzeugt, dass von keinem Palästinenser Gewalt ausgehe, dass die Angriffe der Hamas von den Israelis erfunden seien. Sie vertraut der deutschen Presse im Moment nicht: "Ganz ehrlich? Nachdem, was die Deutschen mit den Juden gemacht haben, dürfen die doch nichts Negatives mehr sagen."

Nach zweieinhalb Stunden beendet Vogel seine Rede. In London und Pariseskalierten Pro-Palästina-Demonstrationen, erst brannten Mülltonnen und später israelische Flaggen, und in Berlin wurden antisemitische Beleidigungen skandiert — auf dem Hachmannplatz ist es ruhig geblieben. Die Hamburger Polizei zieht ein positives Fazit. Genau wie Vogel es gewollt hat. Im Anschluss bedankt er sich dort, wo er unbefangener sprechen kann als auf dem Bahnhofsvorplatz: bei Facebook. Dort postet er nach seiner sanften Predigt ein Foto. Die Karikatur zeigt den Arm eines israelischen Soldaten, der mit einem Dolch in der Form der Staatsgrenze ein palästinensisches Kind ersticht. "Möge Allah unseren Geschwistern in Gaza helfen", schreibt er. Ein Nutzer fügt im Kommentar hinzu: "Möge Allah sie vernichten."

Reiche Wahlkämpfer und arme Wähler

Die AfD ist künftig in allen Hamburger Bezirken vertreten. Dabei hatten die Rechtspopulisten weder ein Wahlprogramm noch starke Kandidaten. Wie konnte das passieren?

veröffentlicht bei Zeit Online 

 Aus Sicht der Rechtspopulisten ein voller Erfolg: Die Wahlergebnisse bei der Europawahl und bei den Hamburger Bezirkswahlen

Aus Sicht der Rechtspopulisten ein voller Erfolg: Die Wahlergebnisse bei der Europawahl und bei den Hamburger Bezirkswahlen

 

Hätte die Alternative für Deutschland (AfD) die Dreiprozenthürde für die Hamburger Bezirkswahlen nicht erreicht, dann hätte Kay Gottschalk die Schuldigen schnell ausgemacht. Während der vergangenen Wahlkampfwochen wurden immer wieder Plakate der AfD beschmiert oder zerstört – und für den Kandidaten für den Bezirk Mitte steht fest, dass linksalternative Gruppen dafür verantwortlich sind. “Kein Wunder, dass wir angesichts dieser gezielten Attacken kaum wahrgenommen wurden”, sagt der Endvierziger mit schmächtiger Statur. “Das hat jetzt ein Ende. Jetzt wird gegen links gekämpft!”

Nicht nur für die Bundes AfD, auch für die Hamburger AfD waren die Wahlen am Sonntag ein voller Erfolg. Die Rechtspopulisten werden zukünftig in allen sieben Bezirken vertreten sein. Spitzenreiter ist dabei mit sechs Prozent das südliche Harburg, in Hamburgs größtem Bezirk Mitte wählten immerhin 5,1 Prozent die AfD. Und die Statistik zeigt: Vor allem in den sozialschwachen Stadtteilen im Osten stimmten die Menschen für die neue Partei – in Billbrook 6,5 Prozent, in Horn 7,5 Prozent und in Billstedt 7,6 Prozent. Klinker- und Hochhaussiedlungen, die wie Inseln zwischen dreispurigen Autobahnen und großflächigen Gewerbeparks liegen, prägen das Bild jener Viertel. Hier wohnen überwiegend Arbeiter und viele ältere Arbeitslose, abgeschnitten und weit weg von den wohlhabenden Ecken der Hansestadt.

Eine Extremismusklausel auf Kommunalebene

 AfD-Politiker Kay Gottschalk (Mitte) bei der Wahlkampfparty in der Hafencity - hier blieb das konservative Bürgertum unter sich Foto:  Julia Kneuse

AfD-Politiker Kay Gottschalk (Mitte) bei der Wahlkampfparty in der Hafencity - hier blieb das konservative Bürgertum unter sich
Foto: Julia Kneuse

Wohlhabende Ecken findet man hingegen in der von Stararchitekten entworfenen und stadtpolitisch umstrittenen Hafencity: Hier feierte die AfD am Sonntag ihre Wahlparty und die Veranstaltung offenbarte: Zwischen Wählern und Parteimitgliedern gibt es auf den ersten Blick kaum Gemeinsamkeiten. Die Herren erschienen überwiegend in Anzügen und die Damen in eleganten Kostümen – das konservative Bürgertum blieb an diesem Abend unter sich.

Auf der Terrasse der schicken Elbarkaden Lounge genossen sie bei einem Glas Wein die letzten Sonnenstrahlen oder fieberten drinnen den ersten Hochrechnungen für die Europawahl entgegen. Dass zeitgleich in den Hamburger Bezirken gewählt worden war, schien kaum jemanden zu interessieren. Und selbst Kay Gottschalk, der Kandidat für Mitte, nutzte den Abend eher, um sich als Feind der Linken zu profilieren anstatt für seine Themen zu werben.

Er wolle eine Extremismusklausel auf Kommunalebene anregen, so der Versicherungskaufmann. Bereits in den vergangenen Wochen hatten die angehenden Lokalpolitiker versucht, sich als Hardliner in Sachen Innere Sicherheit zu präsentieren – um so von der aufgeheizten Stimmung in der Stadt zu profitieren. Die Debatte um den Umgang mit den Flüchtlingen, der Streit über das besetzte Kulturzentrum Rote Flora und nicht zuletzt die Errichtung des Gefahrengebiets Anfang des Jahres haben die Hamburger gespalten und eine Lücke für simple Lösungen geschaffen. So unterstützte die AfD Anwohnerproteste gegen eine Asylbewerberunterkunft im Alsterviertel Harvestehude, fordert die Räumung der Flora und verlangt mehr Personal für die Polizei.

Einmal zur Urne, zweimal protestwählen

Allein diese “politische Gelegenheitsstruktur”, die Experten als eine Ursache populistischer Erfolge sehen, erklärt die Wählerstimmen allerdings nicht. Wie die Statistik deutlich macht, existiert ein Zusammenhang zwischen den Ergebnissen bei den Bezirks- und den parallel stattgefundenen Europawahlen. Auch dabei stimmten mit 7,6 Prozent in Harburg die meisten Wähler für den eurokritischen und nationalen Kurs der AfD – mehr als im Bundesdurchschnitt.

Dass mit einem Urnengang gleich zweimal protestgewählt wurde, ist also naheliegend. Denn auch auf Bundesebene konnte die Partei vor allem in den armen Regionen punkten, etwa in Frankfurt/Oder, Brandenburg oder im sächsischen Landkreis Görlitz. Dort liegt die Arbeitslosenquote bei zwölf Prozent und das Nettoeinkommen ist so niedrig wie sonst nirgendwo in Deutschland.

Fünf Jahre hat die AfD in Hamburg nun Zeit, um zu zeigen, wofür sie wirklich steht. Dabei wird sie als erstes erkennen müssen, dass die Entscheidungskompetenzen der Bezirksversammlungen durchaus begrenzt sind. Über den Ausbau von Fahrradspuren auf Straßen etwa, gegen die sich zumindest Kay Gottschalk sträubt, bestimmt zum Beispiel die Bürgerschaft. SPD-Bezirkspolitiker Falko Droßmann spottet deshalb schon jetzt. “Das ist doch alles überhaupt nicht umsetzbar”, sagt der Fraktionsvorsitzende Mitte. Er glaubt nicht, dass sich die Neulinge langfristig für die ehrenamtliche Arbeit begeistern werden. “Ich wette, schon zur dritten Sitzung kommt keiner mehr.”